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July 30, 2020

Voyager Blogs, Maritime Security

Risiken in der „neuen Normalität“

Die Schifffahrtsbranche hat ihren Wert für die Weltwirtschaft während der Coronavirus-Pandemie in einer Weise unter Beweis gestellt, wie dies seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr vorgekommen ist.

Risiken in der „neuen Normalität“

Da jedoch die langfristigen Herausforderungen durch den Virus immer deutlicher werden, muss sie sich mit neuen, daraus resultierenden Risiken auseinandersetzen.

Trotz des kurzfristigen Schocks für die weltweite Versorgungskette hat sich die Branche weitgehend als widerstandsfähig erwiesen, wenn es darum geht, die grundlegende Versorgung aufrechtzuerhalten. Das Problem ist, dass eine solche Krise immer einen Preis hat, und in diesem Fall sind es die Seeleute, die ihn bezahlen mussten.

Die Entlastung der Besatzung ist von wesentlicher Bedeutung, um die Sicherheit, Gesundheit und das Wohlergehen von Seeleuten zu gewährleisten; dennoch ist trotz aller Zusicherungen und Bemühungen noch kein Ende der festgefahrenen Situation in Sicht. Längere Aufenthalte an Bord eines Schiffes können nicht nur zu einer psychischen und physischen Ermüdung der Besatzung, sondern auch zu Unfällen führen. Menschliches Versagen ist nach Angaben des Transportversicherers Allianz bei 75 % bis 96 % der Vorfälle auf See ein entscheidender Faktor.

Der anhaltende wirtschaftliche Abschwung, den die meisten Ökonomen als Folge des Virus erwarten, wird auch Auswirkungen auf die Risiken in der Schifffahrt haben, da Schiffe liegen bleiben und Unternehmen Maßnahmen zur Kostenkontrolle ergreifen, so die Prognose der Allianz. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass die Budgets für Besatzung und Wartung oft zu den ersten Bereichen gehören, bei denen Einsparungen vorgenommen werden, mit deutlichen Auswirkungen auf die Sicherheit.

Die Pandemie hat es für Schiffe schwierig gemacht, wichtige Ersatzteile und Verbrauchsmaterialien wie Öle und Schmiermittel zu beschaffen sowie Wartungs- und Reparaturarbeiten durchzuführen. Dies könnte sich nachteilig auf den sicheren Betrieb von Motoren und Maschinen auswirken und möglicherweise Schäden oder Ausfälle verursachen, die im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass Schiffe auf Grund laufen oder kollidieren.

Doch während viele Seeleute bisher kaum eine andere Wahl hatten, als weiter zu arbeiten, bewegt sich ein wachsender Teil der Weltflotte überhaupt nicht mehr.

Die Kreuzfahrtindustrie, die weltweit mehr als 150 Milliarden Dollar erwirtschaftet und mehr als eine Million Arbeitsplätze unterstützt, ist seit dem Ausbruch der Pandemie praktisch in einen Winterschlaf gefallen. Bei den größten Kreuzfahrtschiffen im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar sind Risikoanhäufungen ein potenzielles Problem, solange die Beschränkungen noch in Kraft sind.

Im April standen etwa 95 % der weltweiten Kreuzfahrtflotte still, wobei viele Schiffe in hurrikangefährdeten Gebieten in Nordamerika und taifungefährdeten Gebieten in Asien vor Anker lagen. Die Rückholung aus dieser Situation stellt eine weitere Herausforderung dar. Die monatlichen Kosten für das Auflegen von Kreuzfahrtschiffen können sich auf mehrere Millionen Dollar belaufen, und der Umfang der Instandhaltung und Besatzung wirkt sich auf die Geschwindigkeit aus, mit der ein Schiff wieder in Betrieb genommen werden kann.

Als der Ölpreis inmitten der Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung angesichts des Coronavirus abstürzte, erreichte die Nachfrage nach schwimmenden Lagern ein Rekordniveau. Viele Tankschiffe liegen in den großen Ölhäfen und Terminals in den USA, Europa und Afrika und sind damit potentiell extremen Wetterbedingungen, Piraterie und politischen Risiken ausgesetzt. Darüber hinaus wurden Tanker für den Einsatz als schwimmende Lager gechartert, die Wartungs- und Vertragsanforderungen unterliegen.

Auch die existenziellen Bedrohungen nehmen zu, so die Allianz. Da Schiffe zunehmend mit landgestützten Systemen vernetzt werden, nehmen Cyber-Bedrohungen kontinuierlich zu; sie reichen von der Beeinträchtigung von Häfen und Terminals bis hin zu betrügerischen Angriffen auf Schiffe. Der Ausbruch des Coronavirus hat sich auch hier ausgewirkt, da Unternehmen Berichten zufolge seit Beginn der Pandemie einen 400-prozentigen Anstieg der Anzahl versuchter Cyber-Angriffe zu verzeichnen hatten.

Da moderne Schiffe in zunehmendem Maße von Computern und Software abhängig und somit auch mit erhöhten geopolitischen Risiken verbunden sind, ist die Bedrohung der Schifffahrtsindustrie durch Cyber-Angriffe erheblich. Die Art und Weise, in der Schiffe und Besatzung mit der Technologie interagieren, ist zu einem bedeutenden Faktor bei Unfällen geworden, bei denen Schiffe kollidieren und auf Grund laufen.

Im vergangenen Jahr kündigte die US-Marine an, Touchscreens durch manuelle Steuerungen zu ersetzen, nachdem im Jahr 2017 ein Vorfall auf einem ihrer Schiffe untersucht wurde, bei dem es Todesopfer zu beklagen gab. Wie jeder ECDIS-Nutzer weiß, kann die Technologie die Sicherheit erhöhen, und eine bessere Ausbildung kann zu einem gesteigerten Situationsbewusstsein führen. Allerdings gibt es oft ernsthafte Lücken zwischen dieser Feststellung und der Realität.

Die Allianz meint, die Branche müsse anfangen, auch aus erfolgreichen Erfahrungen zu lernen, nicht nur aus Unfällen. Derartige Erkenntnisse können zur Entwicklung neuer Technologien sowie zur Verbesserung der Ausbildung, der Erfahrung der Besatzung und der Sicherheitskultur genutzt werden.

Ein verstärkter Einsatz von industriellen Steuerungssystemen zur Überwachung und Wartung von Motoren könnte in Zukunft zu einer deutlichen Reduzierung von Maschinenausfällen führen, so die Einschätzung des Unternehmens. Im Laufe der Jahre habe sich die Schifffahrtsindustrie von der zeitgebundenen Wartung zur zustandsgebundenen Wartung entwickelt, und mit der zunehmenden Digitalisierung werde sie sich in Richtung einer vorausschauenden oder präventiven Wartung verschieben. Mit der Zeit könnte der Übergang zur präventiven Wartung die Zuverlässigkeit von Motoren verbessern und letztlich die Sicherheit erhöhen.

Menschliches Versagen bleibe ein Schlüsselfaktor bei Pannen, und selbst eine gut ausgebildete Besatzung könne Fehler machen. Die Echtzeit-Überwachung von Land aus durch Verwalter in Absprache mit Herstellern sowie ein Umstieg auf eine präventive Wartungsstrategie könnten dieses Risiko verringern und auch die Belastung von Seeleuten reduzieren.

Angesichts des derzeitigen Klimas ist es sinnvoll, jede Möglichkeit auszuloten, um repetitive manuelle Aufgaben zu eliminieren, die Seeleuten das Leben schwerer machen, das Risiko erhöhen und keinen Mehrwert erzeugen. Schade nur, dass es einer Krise dieses Ausmaßes bedurfte, um diese Vorteile in den Vordergrund zu rücken.

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